Die Rollen, Ressourcen und Kompetenzen der ehrenamtlichen Arbeitsrichterinnen und Arbeitsrichter aus Kreisen der Arbeitnehmer in Deutschland, Frankreich und Großbritannien Work & Employment Research Unit

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Kontext

Zielsetzung und Fragestellung

Methodisches Vorgehen und Arbeitsprogramm

Projektergebnisse

Das Team


Kontext

Dieses Forschungsprojekt zielt darauf, die Rollen und Kompetenzen ehrenamtlicher Arbeitsrichterinnen und Arbeitsrichter (im Folgenden ohne sprachliche Unterscheidung) in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sowie die ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen zu analysieren und zu vergleichen. Die Tätigkeit der ehrenamtlichen Arbeitsrichter stellt ein wichtiges zivilgesellschaftliches Engagement in einem Bereich mit schwerwiegenden Folgen für die streitenden Parteien dar. Zugleich erwächst aus dieser Tätigkeit das Dilemma, wie die wertvollen, aber zum Teil unterschiedlichen Erfahrungen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern in der Arbeitswelt unmittelbar durch die ehrenamtlichen Richter in einen formell neutralen Rechtsprozess eingeführt werden können. Ehrenamtliche Richter müssen sich mit diesem Dilemma auseinandersetzen, wie sie die unvermeidbare Parteilichkeit ihrer Arbeitswelterfahrung mit den Anforderungen der Unbefangenheit und Unparteilichkeit in der gerichtlichen Rechtsanwendung in Einklang bringen können. Ein Fokus des Forschungsvorhabens wird auf der Frage liegen, wie ehrenamtliche Richter der Arbeitnehmerseite dieses Dilemma lösen.


Zielsetzung und Fragestellung

Zwar haben ehrenamtliche Arbeitsrichter fast die gleichen Befugnisse in allen drei Ländern, die Verfahren aber, durch welche ehrenamtliche Richter der Arbeitnehmerseite (‚worker lay judges') zu ihren richterlichen Stellen gelangen, sind sehr verschieden. 

  • In Deutschland werden die ehrenamtlichen Richter aus Kreisen der Arbeitnehmer hauptsächlich von den Gewerkschaften vorgeschlagen.
  • In Frankreich werden solche Arbeitsrichter von allen Arbeitnehmern in einem nationalen Abstimmungsverfahren gewählt.
  • In Großbritannien hingegen nominieren sich Individuen als Ehrenamtliche selber und werden anschließend von den Justizbehörden nach einem Auswahlverfahren berufen.

Eine zentrale Frage für die empirische Forschung ist die folgende. Inwiefern beeinflusst das Auswahlverfahren der ehrenamtlichen Richter (also Wahl, Vorschlag der jeweiligen Organisation, Selbstnominierung) ihre Wahrnehmung der richterlichen Rolle? Anders betrachtet: Inwiefern hängt diese Wahrnehmung eher von den Eigenschaften des Einzelnen (z. B. Geschlecht, Alter, Beruf, gewerkschaftliches oder sonstiges zivilgesellschaftliches Engagement, Ausmaß der richterlichen Erfahrung) ab?
Zusätzlich wird die empirische Forschung den folgenden Fragen nachgehen:

  • Erstens, die Ressourcen, die den ehrenamtlichen Arbeitsrichtern für ihre Tätigkeit in den drei Ländern zur Verfügung stehen, zu identifizieren und zu vergleichen (dazu gehören unter anderem: Freistellung von der Arbeit, finanzielle Entschädigung, Aus- und Weiterbildung).
  • Zweitens werden Fragen der sozialen Diversität bezüglich der Nominierungs - bzw. Berufungsverfahren für die ‚worker lay judges' untersucht. Hierzu gehört die Möglichkeit einer‚ Vertretungslücke' zwischen den ehrenamtlichen Arbeitsrichtern und einer wachsenden Zahl prekärer Arbeitnehmer mit unterschiedlichem sozialen Hintergrund.
  • Drittens zielt die Studie darauf, den Beitrag der ‚worker lay judges' zum gerichtlichen Verfahren zu untersuchen, mit dem Ziel, die sozialen Kompetenzen und Fachkenntnisse zu identifizieren, die sie in diesen Prozess einbringen. Dazu gehört auch die Frage, wie die anderen Verfahrensbeteiligten (Richter, Rechtsanwälte usw.) diesen Beitrag bewerten.

Dem interdisziplinär angelegten Forschungsprojekt liegt eine Reihe von Fachdisziplinen und theoretischen Ansätzen zugrunde (Rechtssoziologie, Rechtsanthropologie, Rechtswissenschaft, Interaktionssoziologie, Sozialisierungstheorien, der Begriff von ‚Karriere' sowie vergleichende institutionelle und kulturelle Analyse).


Methodisches Vorgehen und Arbeitsprogramm

Das Projekt beginnt am 1. September 2015 und wird im Frühjahr 2017 abgeschlossen werden. Primärdaten werden mittels Interviews auf der Grundlage eines standardisierten Leitfadens erhoben. Die Primärforschung wird durch literaturgestützte Analysen ergänzt. Kernstück der Forschung ist die Analyse der Beziehungen zwischen den Hauptakteuren im Gerichtsverfahren, die mittels einer empirischen Untersuchung der gegenseitigen Wahrnehmungen der ehrenamtlichen Arbeitsrichter (sowohl von der Arbeitnehmer- als auch von der Arbeitgeberseite), der Berufsrichter und der Rechtsanwälte und verbandlichen Rechtsvertreter ermittelt werden. Insgesamt werden 72 Interviews pro Land durchgeführt, wovon 68 mit direkten Beteiligten stattfinden und vier mit den Organisationen bzw. Behörden, die die ehrenamtlichen Richter vorschlagen bzw. berufen. Daten werden auch zur sozialen Herkunft der ‚worker lay judges', zu ihrem gewerkschaftlichen bzw. zivilgesellschaftlichen Engagement und zu ihrem Rollenverständnis erhoben.


Projektergebnisse

Außer einem Abschlussbericht, der die Hauptbefunde der empirischen Forschung zusammenfasst, werden Workshops zur Präsentation der Forschungsergebnisse in jedem der drei Länder mit ehrenamtlichen Richtern, Gewerkschafts- und Arbeitgebervertretern, Berufsrichtern sowie Wissenschaftlern durchgeführt. Nach der Laufzeit des Projektes sind Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften sowie in der einschlägigen Praktikerliteratur vorgesehen.

Zusammengefasst zielt das Forschungsprojekt darauf, eine empirische Grundlage für öffentliche Diskussionen zur Rolle der ehrenamtlichen Arbeitsrichter aus Kreisen der Arbeitnehmer zu liefern und ‚best practice' Standards für ihre Tätigkeit zu erarbeiten.


Die Interdisziplinarität des Forschungsvorhabens spiegelt sich auch in der Zusammensetzung des transnationalen Forschungsteams wider, das aus Juristen, Soziologen und Politikwissenschaftlern sowie Praktikern aus dem Bereich der Arbeitsbeziehungen und einer ehemaligen ehrenamtlichen Arbeitsrichterin besteht. Zu der Kerngruppe des Forschungsteams gehören:

  • Susan Corby, Professor of Employment Relations, University of Greenwich UK.
  • Pete Burgess, Research Fellow, University of Greenwich, UK.
  • Hélène Michel, Professeure de science politique, Université de Strasbourg, France.
  • Laurent Willemez, Professeur de sociologie, Université de Versailles, France.
  • Armin Höland, Emeritus Professor, Juristische und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Zentrum für Sozialforschung Halle, Germany.

Université de StrasbourgUniversity of GreenwichZentrum für Sozialforschung Halle

Work & Employment Research Unit is part of the Business School, University of Greenwich.